Francis J. Müller feiert seinen 100. Geburtstag
24.06.02 | Buchloer Zeitung /Lokales
Weicht, 22. Juni 2002: Erstmals seit über 300 Jahren gibt es in Weicht bei Jengen wieder einen 100. Geburtstag zu feiern. Francis J. Müller, Zahnarzt i. R. ist geistig erstaunlich frisch und freut sich auf sein Jubiläum am 24. Juni 2002.
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 Der Jubilar kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Vater und Mutter Müller wanderten 1895 von Hessen nach England aus, weil es damals in Deutschland viel Hunger und wenig Arbeit gab. Francis wurde am 24. Juni 1902 in London geboren. Am Silvestertag 1914 verstarb sein Vater im Alter von 49 Jahren an der Zuckerkrankheit. Leider wurde das Insulin erst zwei Jahre später erfunden. Die Mutter ging dann mit den beiden Kindern Brigitta und Francis nach Deutschland zurück, nachdem der 1. Weltkrieg ausgebrochen war. In Frankfurt am Main absolvierte Francis Müller zunächst eine Lehre als Zahntechniker, wurde dann Dentist und schließlich niedergelassener Zahnarzt.
100 Jahre sind eine sehr lange Zeit für einen Menschen. Aber Herr Müller kann sich an verschiedene markante Stationen seines Lebens gut erinnern. Er erlebte zwei Weltkriege, drei Währungsumstellungen, die Kaiserzeit, das Dritte Reich, und die technische Revolution des 20. Jahrhunderts von der Gaslaterne bis zum elektrischen Strom. Nur einen Computer in Form eines eigenen PC hat er sich nicht mehr angetan.
Er erinnert sich noch gut an den Tag, als die Titanic im Nordatlantik versank: „Der Unterricht wurde abgebrochen und vor allen versammelten Schülern wurde über das Unglück gesprochen.“ Ein Dankesschreiben vom 2. Mai 1930 mit einem Foto von Kaiser Wilhelm zieht das Wohnzimmer von Herrn Müller; Francis hat dem Kaiser nämlich eine Postkarte geschrieben, als dieser in holländischen Doorn im Exil lebte. Man kann spüren, dass er den Kaiser mochte.
Im Jahre 1978 baute er sich im schönen Weicht im Allgäu ein Einfamilienhaus, um hier mit seiner Frau Charlotte seinen Lebensabend zu verbringen. Charlotte verstarb bereits 1993.
Herr Müller ist immer noch ein bisschen Engländer. Er spricht sehr höflich mit leichtem Akzent und einem knappen Lächeln auf den Lippen. In seinem Garten zieren die deutsche und englische Flagge sein Anwesen. An seinem Sakko-Revers trägt er immer noch eine Anstecknadel mit der englischen Flagge. Auf seine Verbindung zu England angesprochen, erzählt Herr Müller: „Ich habe in den letzten 50 Jahren mehrmals versucht, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Aber als man von mir verlangt hat, zuerst die britische Staatsbürgerschaft abzulegen, konnte ich mich doch nicht überwinden. Schließlich bin ich England geboren und aufgewachsen.“
Religion war auch immer Bestandteil seines Lebens. Zunächst war er katholisch und hat sogar als Ministrant im St. Catherines Hospital in Ramsgate in England gedient. 1924 hat er sich in Frankfurt der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angeschlossen und besucht auch heute noch fast jeden Sonntag den Gottesdienst der Gemeinde Kaufbeuren in Neugablonz. „Der regelmäßige Besuch der Kirche Jesu Christi gibt mir soviel Kraft, dass ich immer wieder gerne hingehe. Gott hat mich in meinem langen Leben noch nie im Stich gelassen.“ In dieser Kirche hat er auch vor über zwei Jahren seine jetzige Frau kennen gelernt und er ist froh, dass er dadurch in den Beschwernissen des Alters nicht allein gelassen ist.
Aber Francis Müller wäre nur unvollständig beschrieben, würde man sein Hobby nicht erwähnen. Jahrzehnte lang hat er Aquarelle gemalt. Einige davon zieren sein Haus in Weicht. Und darauf kann er auch ein wenig stolz sein, denn die Qualität der Bilder kann sich sehen lassen. In den letzten Jahren hat er statt der Malerei die Ahnenforschung als neues Hobby entdeckt und reist deshalb mit seiner Frau öfter mal nach Hessen in die Heimat seiner Eltern. Ahnenforschung mit dem Namen Müller ist jedoch eine besonders große Herausforderung.
Wenn das „Geburtstagskind“ auf ein Rezept für sein hohes Alter und die relativ gute Gesundheit angesprochen wird, hält er mit Ratschlägen nicht zurück: „Seit meiner Bekehrung zur Kirche Jesu Christi im Jahre 1924 rauche ich nicht mehr. Außerdem esse ich seit meiner Kindheit – bis zum heutigen Tag - jeden Morgen mein Porridge (englischer Haferbrei).“
Die Mitglieder seiner Kirchengemeinde und viele Freunde und Nachbarn gratulieren ihm ganz herzlich und wünschen ihm weiterhin Gottes Schutz und Segen.
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