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Jeder Tag ein Abenteuer - Zwei Amerikaner sind als Missionare der Mormonen in der Lausitz
18.06.03 | Lausitzer Rundschau Online



Bier, Dirndl und Oktoberfest. Etwas bayerische Lebensart hatten die beiden jungen Amerikaner Joshua Hauser und Aaron Gelter im Kopf, als sie sich auf den Weg nach Deutschland machten. Für 24 Monate. Auf Missionsgang für die Kirche Jesu Christi. Die vielen hohen Plattenbauten im Osten Deutschlands hatten die beiden nicht erwartet.


Auf Missionstour: Elder Joshua Hauser (li.) und Elder Aaron Gelter.
Foto:Helbig


Adrett gekleidet, weißes Hemd und Krawatte. Den Rucksack geschultert, ein Namensschildchen auf der Brusttasche, immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Joshua Hauser und Aaron Gelter sind für zwei Jahre in deutschen Städten unterwegs. Sie sind Missionare der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, besser bekannt als Mormonenkirche. Sie haben den Titel Elder angenommen, was soviel heißt wie «Ältester» . Derzeit leben und arbeiten die beiden in Forst.
«Wir gehen von Tür zu Tür, sprechen Menschen an und stellen unsere Kirche vor» , erzählt Joshua. «Es macht großen Spaß, weil wir viele Menschen kennen lernen. Jeder Tag ist ein Abenteuer» , fügt er hinzu. Zwar seien nicht alle Tage erfolgreich, nicht immer könnten gute Gespräche geführt werden. Haustüren werden vor ihren Nasen zugeschlagen, so Aaron. Doch empfinde er es nicht so schlimm, wenn sie mal angebrüllt oder ausgeschimpft würden. «Das muss man mit Humor zu nehmen versuchen» , sagt der 20-Jährige, der seit sechs Monaten in Forst lebt und vorher in Halle, Leipzig und Freiberg auf Mission ging.

Enttäuscht über Reaktionen

Joshua Hauser, der vergangenen November ins Flugzeug nach Deutschland stieg, nimmt das nicht so leicht. Er sei schon enttäuscht, wenn niemand mit ihnen reden möchte. Das Evangelium bedeutet ihm so viel, dass er es mit anderen Menschen teilen, ihnen helfen will. Doch an seiner Mission zweifelt er nicht. Und einfach mal einen Tag «blau machen» , morgens im Bett liegen bleiben, das gibt es nicht. Deshalb sei man auch immer zu zweit, um sich gegenseitig zu ermutigen, sagt Aaron Gelter. Das sei die schwierigste und zugleich beste Zeit des Lebens, zitiert er seinen Vater. Dem könne er nur zustimmen: Man werde erwachsener, wenn man in einem fremden Land auf sich gestellt ist und eine Botschaft übermitteln will. Und wenn man fest an das glaube, was man tut, sei es auch kein erdrückender Zwang, fährt Joshua Hauser fort.
Beide haben sie ihr Studium unterbrochen, um in einem anderen Land für ihren Glauben zu werben. Der 21-jährige Joshua Hauser kommt aus dem rund vier Autostunden von New York entfernt gelegenen Syracuse. Wenn er in gut eineinhalb Jahren wieder zu seiner achtköpfigen Familie nach Amerika zurückkehrt, will er sich auf Wirtschaft und Medizin spezialisieren. Aaron Gelter strebt einen Abschluss als Elektro-Ingenieur an. Der 20-Jährige ist der Älteste von sechs Geschwistern und stammt aus Caysville nahe Salt Lake City im Bundesstaat Utah.
Auf Mission zu gehen sei keine Pflicht, betonen die Amerikaner. Beide wollten jedoch unbedingt Gott dienen, als Missionare etwas von sich selbst geben. Auf die Wahl des Landes, in das man berufen wird, habe man keinen Einfluss, doch einige Jahre Deutschunterricht in der Schule habe sicher für ihre Entsendung nach Deutschland gesprochen, sind sie sich sicher. Fließend zu sprechen, lerne man jedoch erst hier vor Ort.
Und das sei sowieso das Beste. Beim Unterricht in Amerika habe man sich nur schwer vorstellen können, dass wirklich so viele Menschen diese Sprache sprechen, so Aaron Gelter, der mit seinen Kenntnissen noch nicht ganz zufrieden ist. «Es könnte noch besser klappen» , findet er. Joshua Hauser gerät auf der Suche nach dem richtigen Wort ab und an ins Stocken, doch die Verständigung fällt keinem von beiden wirklich schwer. Ihr Deutsch ist nahezu perfekt. «Mein Vater ging damals nach Japan. Dort wäre es von der Sprache her sicher viel schwerer geworden, Fuß zu fassen» , erzählt Joshua Hauser.
Die zwei Jahre kosten ungefähr 10 000 Dollar, die aus eigener Tasche zu zahlen sind. «Das heißt jedoch nicht, das derjenige, der nicht so viel Geld hat, nicht auch auf Mission gehen kann» , erzählt Aaron, der die Hälfte des Betrages selbst gespart und den Rest von seinen Eltern zugeschossen bekommen hat. Die Kirche würde die Kosten im Notfall auch übernehmen. Und alle Missionare zahlen den selben Betrag in einen Topf, denn das Leben beispielsweise in Südamerika sei um ein Vielfaches billiger als in Deutschland, erzählt Aaron.
Auf der Missionsschule in Salt Lake City nahmen beide vor ihrer Abreise an einem zweimonatigen Schnellkurs in Deutsch sowie Kursen in Krawattenbinden und dem Umgang mit Menschen, denen man den Glauben der Mormonen näher bringen möchte, teil. Ihr Einsatzgebiet in Deutschland liegt zwischen Magdeburg und Plauen, Eisenach bis Forst, erzählt Aaron Gelter. Weltweit sind rund 60 000 Missionare für ihren Glauben engagiert.
In ihrer Wohnung im Forster Ortsteil Noßdorf, die die beiden sich teilen, gibt es keinen Fernseher. Auch Zeitung lesen ist tabu. Während ihrer Missionarszeit sollen sich die jungen Leute ganz auf sich selbst konzentrieren, sich dem Selbststudium und dem Missionieren hingeben. Es soll keine Ablenkungen geben.
Während des Irak-Krieges hätten sie gerne mehr Informationen bekommen. Sprüche wie «Geht ihr mal zurück zu Eurem Präsidenten Bush» , hätten sie um die Ohren gehauen bekommen, bedauert Joshua. Das sei ein wenig verletzend gewesen. «Krieg ist immer schlecht, doch Amerika ist unser Heimatland» , sagt er. «Wir erfahren wichtige Dinge aus Briefen unserer Familie oder was uns die Leute erzählen» , sagt Aaron. Denn auch Anrufe nach Hause sind nur wenige erlaubt. «An Muttertag haben wir mit unseren Familien telefoniert» , so Aaron. «Bestimmt 40 Minuten habe ich mit meinen Leuten gesprochen» , fügt Joshua freudig strahlend hinzu.

Strenger Tagesablauf

Doch für Heimweh bleibt wenig Zeit. Der Tagesablauf ist streng: Jeden Morgen um 6.30 Uhr aufstehen, einige Stunden Zeit zum Selbststudium. Dann beginnt die Missionarsarbeit. Viele Stunden sind sie unterwegs. Versuchen, entweder mit Menschen ins Gespräch zu kommen oder treffen sich mit anderen Gläubigen der Kirche. Die Gemeinde in Forst hat etwa 100 Mitglieder, ebenso die Cottbuser Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, wo derzeit ebenfalls Missionare – zwei Männer und zwei Frauen – aktiv sind. Einmal pro Woche geben die beiden in Forst einen kostenlosen Englischkurs. «Das letzte Mal waren acht Interessenten da, zwei davon sind nach nach der Konversationsstunde noch geblieben» , freut er sich. Denn dann erzählen sie von ihrem Glauben und ihrer Arbeit.
Nur an einem Tag in der Woche gönnen sich die Missionare Entspannung und Freizeit. Paddeltouren im Spreewald, Ausflüge nach Bautzen oder Bischofswerda standen bereits auf dem Programm. Ohne Namensschild, in Jeans und Shirt. Auch beim Training der Cottbuser Baseball-Mannschaft nahmen sie schon teil. «Die waren ziemlich gut» , lobt Aaron Gelter die Truppe, die sich sehr darüber gefreut hätten, einmal mit «richtigen Amerikanern» spielen zu können.
Zu Hause in Amerika wird man den beiden nicht mehr direkt ansehen, welchen Glauben sie haben. Und dort haben sie wieder Zeit, sich mit Freunden zu treffen und auszugehen. Dass sie keinen Alkohol trinken, haben ihre Kameraden akzeptiert. «Dann können sie sich wenigstens darauf verlassen, dass jemand sie nüchtern nach Hause fahren kann» , grinst Aaron Gelter, der im August seinen Missions-Anzug ausziehen wird.

Hintergrund Die Mormonenkirche
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage wurde 1830 von Joseph Smith in den USA gegründet. Die Religionsgemeinschaft wird nach dem ihr zu Grunde liegenden Buch «Mormon» auch Mormonenkirche genannt.

Streng gläubige Mormonen leben nüchtern und spartanisch. Genussmittel wie Tabak, Alkohol oder Kaffee sind tabu.

Die von Smith zur raschen Ausbreitung der Mormonen propagierte Mehrehe wurde bereits vor hundert Jahren von der Kirche verboten.

Mormonen-Zentrum ist Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah.




Von Vanessa Hoellen
 
 

Dies ist kein offizieller Service der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, sondern eine private Initiative von Mitgliedern der Kirche
Idee: Benjamin Schulze - Scripting: Simon Jentzsch - Design: Henning Bergmann
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