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Von Erlösung keine Spur
28.Feb 04 | HZ-Online



Der Papst soll klarstellen, dass nicht die Juden Jesus umgebracht haben Hunderttausende Zuschauer haben den vielfach angefeindeten Jesus-Film in der Regie von Hollywoodstar Mel Gibson in wenigen Tagen zu einem Kinohit gemacht. Gleichzeitig erhitzt sich der Streit um dessen religiöse Aussagen und die Szenen voller Gewalt bei der Kreuzigung.


ALEXANDRIA SAGE, AP Für seinen neuen Film "Die Passion Christi", der in Deutschland passend zum Inhalt erst an Gründonnerstag in die Kinos kommt, hat Mel Gibson tief in die eigene Tasche gegriffen. Nachdem er keines der großen Studios in Hollywood für seine angeblich evangeliengetreue Verfilmung der letzten zwölf Stunden aus dem Leben Jesu begeistern konnte, spendierte der Produzent, Regisseur und Co-Autor die 25 Millionen Dollar eben selbst. Das zahlt sich aus: Mit der Rekordzahl von rund 4600 Kopien am Mittwoch in den USA, Kanada und Australien angelaufen, hat der Film auf Anhieb mehr als 20 Millionen Dollar eingespielt, wie der deutsche Verleiher Constantin Film in Berlin mitteilte. Die Zahl der Startkopien übertreffe sogar die bisherigen Spitzenreiter "Herr der Ringe" (3703) und "Harry Potter" (3672) deutlich. Der Erfolg ist umso ungewöhnlicher, als die Figuren alle lateinisch oder aramäisch sprechen, und die englische Übersetzung allein in Form von Untertiteln erscheint.


Der Filmstart wird begleitet von einer heftigen Debatte um Gewalt, Bibeltreue und die angebliche antisemitische Tendenz des Films. Die katholische Kirche der USA hat das Epos wegen blutiger Darstellungen als "ungeeignet für Kinder" eingestuft. Erwachsene sollten Kinder nicht mit in den Film nehmen, hieß es in einer Erklärung der US-Bischöfe. Im US-Bundesstaat Kansas erlitt eine Frau während der brutalen Kreuzigungsszene einen tödlichen Herzanfall. In Salt Lake City waren zwar viele Mormonen sehr neugierig, doch die Lehren ihrer Kirche verbieten ihnen, mit "R" (restricted) bewertete Filme anzusehen. Die Bewertung bedeutet, dass der Film nicht für Besucher unter 17 Jahren empfohlen ist. "Ich denke nicht, dass Gott will, dass ich einen mit R bewerteten Film über seinen Sohn ansehe", sagte der 20-jährige Shawn Watts, ein mormonischer Missionar. Er interessiere sich zwar sehr für den Film, bräuchte aber eine bischöfliche Erlaubnis, um ihn ansehen zu dürfen. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung über "Die Passion Christi" stehen religiöse Aussagen und der Vorwurf, damit könnte Antisemitismus gefördert werden. Juden in Amerika und Israel machen sich Sorgen, das Epos könne dem Vorwurf neue Nahrung geben, die Juden hätten Christus umgebracht -- eine der Wurzeln des christlichen Antisemitismus. Erst 1965 hatte der Vatikan im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils das Dokument "Nostra Aetate" veröffentlicht, das die Juden von dem Vorwurf des Gottesmordes freisprach und Antisemitismus in jeder Form verurteilte. Der askenasische Oberrabbiner in Israel, Jona Metzger, forderte jetzt, der Papst müsse nochmals öffentlich deutlich machen, dass die Juden nicht für den Tod Jesu verantwortlich seien. Eli Jischai von der orthodoxen Schas-Partei wollte "Die Passion Christi" in Israel am liebsten gleich verbieten lassen. Auch in den israelischen Medien ist eine heftige Debatte entbrannt. Besonders einige Interviews mit Mel Gibsons Vater haben für Aufruhr gesorgt. Für den 85-jährigen Hutton Gibson waren die Konzentrationslager nämlich "nur Arbeitslager", der Holocaust sei "vielleicht nicht ganz, aber doch größtenteils Erfindung", Hitler wollte die Juden in Absprache mit zionistischen Führern nur zur Auswanderung bewegen, da man sie in Palästina zur Bekämpfung der Araber benötigte, und schließlich versuchten die Juden heute, die Kontrolle über die katholische Kirche zu übernehmen. Mel Gibsons Distanzierung zu solcher Geschichtsklitterung fiel enttäuschend aus: "Mein Vater hat mich nie belogen." Blutorgie ohne Sinn Dennoch sind die israelischen Kommentatoren sich nicht einig, ob die jüdische Anti-Defamation-League mit ihrer entschiedenen Verdammung des Films den richtigen Weg eingeschlagen hat. "Das Problem ist simpel," sinniert Jonathan Rosenblum in der Zeitung Maariv. "Juden können Gibsons Film nicht angreifen, da jede Attacke von den Christen gleichzeitig als ein Angriff auf ihre heiligsten Bücher verstanden wird." Besser hätte man sich mit christlichen Gruppen verbünden sollen, die dem Film auch kritisch gegenüberstünden. Schließlich mache auch die katholische Kirche bei der Bibelinterpretation seit Jahrzehnten von der "historisch-kritischen Methode" Gebrauch und habe längst zugegeben, dass die Bibel nicht als Geschichtsbuch zu lesen sei. Gibson ist da anderer Meinung. Er gehört einer reformfeindlichen katholischen Minderheit an, die das zweite vatikanische Konzil nicht akzeptiert und ihre Messen noch immer auf lateinisch liest. Auch auf der Leinwand lässt er deshalb seine Darsteller ausschließlich Aramäisch und Latein reden. Mit Authentizität hat das nichts zu tun - so hat klein Mel es sich einfach schon immer vorgestellt. Die moderne Theologie mag längst nachgewiesen haben, dass Jesus von den Römern nach römischer Sitte hingerichtet wurde und Pontius Pilatus keineswegs ein zweifelndes Werkzeug in den Händen des hasserfüllten Hohepriesters Kaiphas war, wie es Gibson zeigt. Dennoch, ein antisemitisches Machwerk, das zum Judenhass aufstachelt, ist "Die Passion Christi" nicht. Juden oder Römer: alle sind in diesem Film fiese Sadisten, die sich gegenseitig darin übertreffen, den christlichen Messias zu quälen. Gibson erspart dem Zuhörer kein noch so widerliches Detail dieser Blutorgie. Wozu das alles gut sein soll, bleibt im Dunkeln. Von Erlösung keine Spur.
MICHAEL BORGSTEDE, TEL AVIV

Original Artikel
 
 

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