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Für ihren Glauben gehen sie meilenweit...
8.3.2002 | Neue Deister-Zeitung Lokales



Von Christiane Riewerts

Hameln. Sie sind anders. Irgendwie anders als andere junge Männer. Ihr Äußeres fällt auf in der Hamelner Fußgängerzone. Und ihre Freundlichkeit. Aus ihnen strahlt eine innere Freude, wenn sie nach links und rechts lächeln, Passanten mit amerikanisch-breitem Akzent grüßen: "Hallo, guten Morgen!" Die reagieren irritiert, schauen zur Seite, murmeln verlegen einen Gruß zurück.


Das Namensschild weist den Missionar aus, das Buch Mormon seinen Glauben.



Die verhaltene Reaktion scheint die beiden jungen Männer in gepflegtem dunklen Anzug, mit weißem Hemd, ordentlich gebundener Krawatte und schwerem Rucksack nicht zu stören. Sie sind sich ihrer Mission sicher. Einer Mission, über die das schwarze Namensschild am Revers Auskunft gibt. "Elder Naegle, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" steht da in weißen Buchstaben drauf. "Das ist so lang, fast ein Zungenbrecher", lacht der derart Bezeichnete. Der Kosename für diesen Zungenbrecher geht leichter über die Lippen: Mormonen sind die beiden jungen Männer, für zwei Jahre als Missionare in Deutschland unterwegs. "Wenigstens regnet es heute nicht", sagt Elder Naegle mit skeptischem Blick zum Himmel. Da, wo er mit bürgerlichem Vornamen Mitch heißt, in St. George im US-Bundesstaat Utah, scheint jetzt die Sonne bei 15 Grad. Dicke Handschuhe, an den Fingerspitzen mehrmals geflickt, hat sich der Missionar an diesem kalten Wintervormittag in Hameln über die Hände gezogen. Der 20-Jährige ist in der Fußgängerzone unterwegs, um von seinem Glauben zu erzählen. "Wir wollen nicht bekehren", sagt sein Begleiter Elder "Benjamin" Roundy, "nur unsere Religion besser bekannt machen." Ihre Religion. 1830 von Joseph Smith gegründet, stützt sich die Glaubensgemeinschaft auf die Bibel und auf neuzeitliche Offenbarungen wie das Buch Mormon. Eine heilige Schrift, eingraviert auf Goldplatten, zu deren Entdeckung - so erzählen die Missionare - eine Vision Joseph Smith's geführt habe. "Auch für uns ist Jesus Christus das Oberhaupt der Kirche", betont Elder Roundy sein Selbstverständnis als Christ - und wehrt sich gegen den Vorwurf der Vielweiberei. Die habe es um 1840 herum tatsächlich kurzzeitig gegeben - aber nur, um allein stehende Frauen zu versorgen. Heute sei Polygamie ein Ausschlussgrund: "Die haben mit der Kirche nichts mehr zu tun." Im Gegenteil: Die Familie wird in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hoch gehalten. Das bestimmt das "Wort der Reinheit", eine der neuzeitlichen Offenbarungen: Gute Ehepartner und Familienväter sollen die Mormonen sein, keusch vor und treu in der Ehe. Auch den beiden jungen Missionaren fehlen ihre Familien. Nur zwei Mal im Jahr - am Muttertag und zu Weihnachten - dürfen sie mit ihren Lieben zu Hause telefonieren.


"Diese zwei Jahre schenke ich dem Herrn", erklärt Elder Naegle die vielen Einschränkungen, die er während seiner Mission in Kauf nimmt - und grüßt fröhlich-beschwingt die Passanten auf dem Pferdemarkt. Die meisten hasten kopfschüttelnd weiter, "keine Zeit", "kein Interesse". Eine Hamelnerin, prall gefüllte Einkaufstüten in den Händen, bleibt schließlich stehen. Die Abwehrhaltung ist ihr anzumerken, sie betont, wie wichtig ihr der evangelische Glaube sei. "Hey, das ist okay, das freut mich für Sie", sagt der junge Missionar. Elder Roundy hat ebenfalls eine Gesprächspartnerin gefunden: Juanita Scheffler aus Holtensen ist gebürtige US-Amerikanerin. "Dort sind missionierende Mormonen ein alltäglicher Anblick", sagt sie und unterhält sich lange mit den beiden jungen Männern. "Jetzt machen wir ein bisschen ,Tür-zu-Tür'", beschließt Elder Naegle. Heute ist die Gartenstraße dran. Von Haus zu Haus gehen die Missionare, klingeln, warten ab, klingeln, warten - so lange, bis ihnen jemand öffnet, bis jemand zu einem Gespräch bereit ist. Seit über einem Jahr sind die beiden jungen Männer als zwei von weltweit über 60 000 Missionaren unterwegs. Jeden Tag stehen sie um halb sieben auf, beten, studieren die heiligen Schriften. Um zehn Uhr machen sie sich auf den Weg in die Stadt. Nachmittags verrichten sie Gartenarbeit und Einkäufe für hilfsbedürftige Menschen, treffen sich mit Gemeindemitgliedern zum Gespräch oder - so heute - helfen einer älteren Dame, die Probleme mit ihrem Internetzugang hat. Sonntags kommen sie mit den 20 Hamelner Gemeindemitglieder in den Räumen der Kirche an der Kaiserstraße zusammen. "Die Mission ist die wertvollste Erfahrung unseres Lebens", sagen die beiden Elders - und die teuerste: Etwa 10 000 Euro kosten die zwei Jahre, "ein ganzer Haufen Geld, um ehrlich zu sein", seufzt Elder Roundy. Aber das zahlt sich aus: "Ich habe in dieser Zeit einem Mann helfen können, zu Gott zu kommen", sagt Elder Naegle, "das macht mich glücklich." Wenige nette Gespräche, viele geschlossene Türen, kalt gefrorene Füße. "Ein normaler Vormittag", fällt das Resumee an diesem Mittag aus. Viel gelaufen sind die beiden, wie jeden Tag. Schief getreten sind die Absätze an den Schuhen von Elder Roundy, die nicht so recht ins Bild der perfekt gekleideten Missionare passen. Auch die grün gestreiften Tennissocken von Elder Naegle fallen aus dem Rahmen. Er lacht: "wir sind zwar Missionare, aber trotzdem noch Jugendliche." Eben genau so wie ihre Altersgenossen. Und doch irgendwie anders.
 
 

Dies ist kein offizieller Service der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, sondern eine private Initiative von Mitgliedern der Kirche
Idee: Benjamin Schulze - Scripting: Simon Jentzsch - Design: Henning Bergmann
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