Eine Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit
3.5.2002 | Augsburger Allgemeine Lokales
Auf der Suche nach den Wurzeln: Die bayerischen Familienforscher feiern ihr Vereinsjubiläum - Die Mitglieder werden immer jünger
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Von unserem Redaktionsmitglied Tom Volpe
Augsburg/Donauwörth
Geschichte war nie sein Fall. Tote Materie. Heute, Jahrzehnte später, ist das ganz anders. Manfred Wegele ist Volksschullehrer und unterrichtet das Fach. Doch mit Zahlen und Fakten allein will sich der 51-Jährige noch immer nicht begnügen. Er wälzt alte Schriften, stöbert in verstaubten Folianten, entziffert Kirchenbücher, Urkunden und Leichenschriften über den Lebenslauf von Verstorbenen. Was der Mann aus Donaumünster bei Donauwörth betreibt, ist die Suche nach den eigenen Wurzeln. „So wird Geschichte lebendig“, sagt Wegele, der Vorsitzender der Bezirksgruppe Schwaben im Bayerischen Landesverein für Familienkunde (BLF) ist.
Seit 80 Jahren besteht der BLF; heuer feiert er das Jubiläum mit einer Ausstellung im Zeughaus in Augsburg (4. bis 31. Mai). In Schwaben betreiben 177 Mitglieder Familienforschung, erstellen Stammbäume, Ahnentafeln, Ortsfamilienbücher - jeder siebte im Verbund lebt aber gar nicht im Bezirk. Doch die Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit führt die Hobby-Familienforscher, die im Bundesgebiet, in Österreich oder der Schweiz beheimatet sind, alle zurück nach Schwaben - denn hier haben sie ihre oft Hunderte von Jahren zurückliegenden Wurzeln. „Wir dienen als Stützpunkt“, sagt Wegele.
Immer mehr und immer „jüngere“ Mitglieder - auf diese Formel könnte man die Entwicklung der Hobby-Forscher bringen: Früher, so Wegele, lag das Eintrittsalter zwischen 50 und 60 Jahren, heute schließen sich bereits 40-Jährige dem Verein an. Mitgliederschwund kennt der BLF nicht: die Zahlen stiegen in den vergangenen zehn Jahren um 16 Prozent, auf 840 Familienforscher.
Diese positive Entwicklung hinkt dem bundesweiten Trend sogar hinterher: Mehr als verdoppelt habe sich seit 1992 die Zahl derjenigen, die in Deutschland ernsthaft Familienforschung betreiben - auf 150000, schätzt Franz Josef Burghardt: „Aber praktisch jeder interessiert sich für die eigenen Wurzeln“, glaubt der Historiker, der seit den 60er Jahren Genealogie-Seminare leitet: „Meine Kurse sind seit einigen Jahren völlig überfüllt.“
Ein weiterer Beleg liefert das Internet. In der Surfer-Gunst stehen Genealogie-Treffs nach Schätzung der FAZ auf Rang zwei - nach den Sexseiten. 8,3 Millionen Treffer bekommt man im weltweiten Netz nach Eingabe des englischen Suchbegriffs „genealogy“, eine Million Surfer pro Tag fahnden nach ihren Vorfahren, familysearch.com ist eine der beliebtesten Internet-Adressen überhaupt. „Genealogie entwickelt sich zur Leidenschaft der Deutschen“, schreibt der Focus.
Doch warum drängt es immer mehr Menschen, nach der eigenen Herkunft zu forschen? „Sie ist ein wichtiger Teil unserer Identität“, sagt Sozialpsychologe Heiner Keupp. Woher komme ich? In welchem Kontext stehe ich? Heutzutage seien Antworten darauf nicht mehr selbstverständlich. Keupp: „Sie müssen nach ihnen suchen und sie selbst konstruieren.“ Auch die Suche nach Halt, nach sozialen Bindungen und nach blauem Blut in der Ahnenlinie spielten eine gewichtige Rolle.
Im BLF ist man überzeugt, dass Genealogie auch die große Geschichte der politischen Ereignisse in ihren Auswirkungen für den Einzelnen konkret erfahrbar und nachvollziehbar machen - anhand des Lebens und der Umwelt der eigenen Ahnen. Um es mit Wegele zu sagen: „Es kommt Fleisch ans Gerippe der Geschichtszahlen.“
Der Volksschullehrer hat, durch mehrere Familientreffen animiert, vor etwa 20 Jahren begonnen zu forschen - und Verblüffendes herausgefunden: Die über 400 Jahre alte Rehlen-Sippe aus Nördlingen gehört ebenso zu seinen Vorfahren wie Rudolf Diesel, der Reformator des Rieses und Luther-Schüler Georg Karg, die Fugger und - man staune - Johann Wolfgang Goethe. Bis ins Mittelalter hat Wegele seine Ahnen zurückverfolgt, für das Hobby investiert er die gesamte Freizeit. „Diese Puzzle-Arbeit macht süchtig“, sagt er. Dabei ist Forschung nicht nur eine Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit; auch Orts- und Sozialgeschichte würden transparent.
Bei der Jagd nach den eigenen Wurzeln kann freilich alles Mögliche zutage treten: blaublütige Ahnen genauso wie Schwerverbrecher. Dazu werden die verschiedensten Quellen angezapft: Verwandte, Standesamt (ab 1876), Kirchenbücher, Archive, Literatur, Urkunden, Verträge. Und nicht zuletzt das Internet. In Sekundenschnelle hilft das Netz beim Klettern im Stammbaum. Experten meinen sogar, dass es die Familienforschung zum Massenphänomen befördert hat. Millionen Stammbaumsucher tauschen Erkenntnisse an einer globalen Pinnwand aus, rund 20 Erbenermittler betreiben es als Beruf, Mediziner erhoffen sich Aufschlüsse zu Erbkrankheiten.
Auch Wegele bekommt etwa 50 E-Mails pro Tag - einige davon wie diese aus den USA: „Suche Hans Mayer aus Bayern.“ Dann kann er nur Recherchetipps weitergeben und eventuell Forscherkontakte herstellen. Denn jeder Hobby-Genealoge betreut bestimmte Namen und/oder ein bestimmtes Gebiet.
Gerade der Austausch unter den Forschern ist auch bei der Bezirksgruppe Schwaben das A und O. Regelmäßig finden Stammtische, und Vorträge statt. Dabei träumen die Hobby-Genealogen wohl alle davon, den Vorfahren-Daten-Olymp schlechthin zu besuchen. In Utah, 50 Kilometer von Salt Lake City entfernt, betreiben die Mormonen das größte Ahnenarchiv der Welt: Auf über zwei Millionen Mikrofilmen ruhen Biografien und Namen von über zwei Milliarden Verstorbenen.
Zum 80-jährigen Bestehen des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde findet vom 4. bis 31. Mai im Zeughaus in Augsburg eine Ausstellung statt. Weitere Infos zur Ahnenforschung und zum Landesverein gibt Manfred Wegele. E-Mail-Adresse: manwegdon@t-online.de
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