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Familientreffen zwischen Diesseits und Jenseits
12.06.02 | Kurier



„Fast jeder der hier herkommt, will adelig sein.“ Peter Zornig, Direktor der Familienforschungsstelle der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (besser bekannt als Mormonen), sieht den Traum vom blauen Blut allerdings meistens rasch – irgendwo zwischen der siebenten und achten Generation – zerplatzen. Da sei es viel wahrscheinlicher, auf einen Mörder oder ein schwarzes Schaf in der Familie zu stoßen, meint der Genealogie-Experte.


Die Suche nach den eigenen Wurzeln boomt: Die Sucht herauszufinden, wer der Urururgroßvater war; ob er die Urururgroßmutter betrog, der örtlichen Kirche ein Fenster stiftete, oder als Hausierer aus Böhmen einwanderte. 120 Termine pro Monat vergibt das Familienforschungszentrum in der Wiener Böcklinstraße derzeit. „Früher galten Genealogen als alte Spinner“, sagt Zornig. Durch das Internet habe die ganze Zunft eine Verjüngungskur gemacht. „Das Interesse steigt, immer mehr junge und intelligente Menschen kommen zu uns“, sagt er. Ahnenforschungsseiten belegen – so eine Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – bereits Platz zwei in der Beliebtheitsskala, übertroffen nur von den Sexseiten.

Als zu Jahresbeginn der britische Census 1901 ins Netz gestellt wurde, brach die Seite innerhalb weniger Minuten zusammen. 30 Millionen User wollten sich in die Informationen über die 32 Millionen Menschen klicken, die zur Jahrhundertwende in England und Wales lebten. Sue Gibbons von der Society of Genealogists: „Wir sind Opfer unserer guten Idee geworden. Zu viele Leute wollten sich einloggen.“

Hätten sie es geschafft, wären sie auf Interessantes gestoßen: Der Census enthält Informationen über Queen Mum als Kind, einen „music hall artiste“ namens Charles Chaplin, den französischen Maler Claude Monet oder die Krankenschwester Florence Nightingale.

Aufwand

Bevölkerungsdaten übers Internet zugänglich zu machen, bedeutet ziemlichen Aufwand. An der Digitalisierung des Census 1901 arbeitete man zwei Jahre. Die größten Anstrengungen, um ihren Ahnenkult zu pflegen, betreiben aber die Mormonen: Überall auf der Welt fotografieren und verfilmen sie seit Jahrzehnten alte Akten, Taufbücher und Sterberegister – von den Volkszählungsunterlagen der USA bis zu den Kirchenbüchern aus kleinen Dörfern in Europa. Im Vorfeld gibt es komplizierte Verhandlungen mit anderen Glaubensrichtungen. Protestanten erweisen sich meist als zugänglicher als Katholiken.

22 Millionen

Der jüngste Coup der Mormonen: Zwischen 1993 und 2000 haben ehrenamtliche Mitarbeiter sämtliche Personen, die zwischen 1892 und 1924 über Ellis Island in die USA einreisten, im Computer erfasst – Ausländer, Amerikaner, Passagiere, Besatzung, Italiener, Russen, Schotten, Österreicher. 22 Millionen Menschen, die heute schätzungsweise 100 Millionen Nachkommen haben.

Die Internetseite www.familysearch.org, auf der die Mormonen das Ergebnis ihres Anstrengungen der Welt zugänglich machen, gehört jedenfalls zu den beliebtesten Sites überhaupt: Man verzeichnet nicht weniger als 9 Millionen Zugriffe pro Tag.

Ihre verfilmten Schätze – derzeit 36,6 Millionen Namen in Stammbäumen – lagern in einem atombombensicheren, unterirdischen Bunker bei Salt-Lake-City. Via Internet kann man seinen Namen eingeben und hoffen, dass die Daten über seine Vorfahren verfilmt wurden.

Österreich

Vor zu hoch gesteckten Erwartungen sei aber gewarnt: In österreichischen katholischen Pfarren sind, anders als in den USA, Skandinavien oder Deutschland, bisher relativ wenig Tauf- und Sterberegister verfilmt, geschweige denn computerisiert worden. „Die Vernetzung ist noch nicht sehr weit gediehen“, gesteht auch Andreas Lutz von der Erzdiözese Wien. „Es ist auch eine Kostenfrage.“ Die Folge: Eine Tour durch die Pfarren bleibt dem Genealogen wohl nicht erspart. Und die kann länger werden, als mancher anfangs annimmt. Genealoge Zornig: „Die Leute denken, die Menschen waren früher nicht mobil. Das stimmt aber nicht. Oft sind sie einfach mit ihrer Herrschaft verzogen. Das Fürstenhaus Schwarzenberg mit Schlössern überall in Europa beispielsweise hatte einen Tross von 2000 Leuten im Schlepptau.“ Und die hatten Kinder, uneheliche Kinder, Kindeskinder
 
 

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